Blick nach Rechts!

via BNR

Braune Gemeinschaften

Dortmund-Dorstfeld ist seit Jahren als Problemstadtteil mit hoher Neonazi-Quote bekannt. Jetzt sammeln sich Anhänger der „Skinhead Front Dortmund Dorstfeld“ gezielt im Wohngebiet um den Steinauweg.

„Das hat hier schon eine Art nationalsozialistischer Wohnqualität“ schimpft ein älterer Herr auf dem Bürgersteig in Dorstfeld. Ihm und anderen Bürgern ist nicht entgangen, dass sich seit Jahren immer mehr junge Männer aus dem Umfeld der „Skinhead Front“ mit ihren Familien im Dorstfelder Steinauweg einquartieren. An warmen Sommerabenden grillen sie gemeinsam draußen auf der Grünanlage zwischen den niedrigen Häusern, verrät eine Frau. Tätowierte Glatzköpfe spielen mit ihren Kindern fangen oder schubsen sie auf der Schaukel an. Während der Fußball-Weltmeisterschaft fand dort Public Viewing mit Saufgelagen statt. Manchmal werden die Rechten auch mit ihren Kampfhunden beim Gassi gehen beobachtet. Vorsichtig heißt es dann: „Die gehen Patrouille im Viertel“. Vor einigen Jahren gab es sogar ein Zeltlager mit etwa acht Zelten im Steinauweg. Gäste reisten an, es gab Einlasskontrollen, von weitem waren laute Reden zu hören.

Kinder wachsen in diesem Stadtteil mit dem Anblick von KuKuxKlan-Logos auf oder Shirts mit Aufschriften wie „Arbeit macht frei – wir machen einen Traum wahr. Bitte verlassen Sie unser Land durch den Schornstein“. „Dorstfeld bleibt Deutsch“ und „No go area – Dorstfeld“, heißen so Forderungen der Skinhead Front.

Konzentrierte Raumnahme der Kameradschaft

Seit Jahren berichten die Medien immer wieder über Autonome Nationalisten und deren Terror gegen kritische Menschen und Familien in Dorstfeld, die Kameradschaft wurde weniger wahrgenommen. Dabei nahm gerade deren konzentrierte Raumnahme zu.

2004 gegründet, wendete sich die braune Truppe lange der DVU im Dortmunder Stadtrat zu. Zwei ihrer Anhänger kandidierten 2009 beim kommunalen Wahlkampf für die Volksunion, Michael Wrobel und Patrick Brdonkalla, sie leben im Umfeld des Steinauweges. Brdonkalla saß bereits zwischen 2004 bis 2009 für die DVU in der Bezirksvertretung. Inzwischen sollen aber auch Wagen der NPD vorfahren, es werden Materialien ausgeladen. Enge Kontakte bestehen zur radikalen niederländischen Neonazi-Szene. Mehrere Angehörige von Combat 18 und Nationaal-Socialistische Aktie sollen in den letzten Wochen privat vorbeigeschaut haben.

„Systematisch den Wahlkampf gestört“

2005 erstach ein jugendlicher Skinhead den Punk Thomas Schulz. Die Szene feierte dessen Tod. Im Februar vergangenen Jahres griffen Neonazis abreisende Gegendemonstranten in ihrem Bus auf dem Heimweg aus Dresden an der Autobahn an. Auf veröffentlichten Fotos wird einer der prügelnden Angreifer gezeigt, er trägt eine Jacke mit der Aufschrift „Skinfront Do-Dorstfeld“. Nur drei Monate später wird die 1. Mai-Kundgebung des DGB in Dortmund angegriffen – mit dabei: Dorstfelder Skinheads. In der Außenanlage im Steinauweg feiern sie daraufhin laut bis in die Nacht.

Während des Kommunalwahlkampfes im Mai 2010 versuchte eine Gruppe von rund 20 Neonazis, Wähler davon abzuhalten, Wahllokale in Dorstfeld zu besuchen. Rüdiger von Chamier vom SPD-Ortsverein Altdorstfeld prangerte die neue Qualität dieser Provokation in einer Reihe von Vorfällen gegenüber den „Ruhr-Nachrichten“ an: „Sie haben systematisch unseren Wahlkampf gestört. Wenn wir einen Stand aufgebaut haben, sind die gekommen, haben sich rings um uns gestellt und so die Leute abgeschreckt.“

Schaffung einer Gegenkultur

Mittlerweile sollen die Neonazis in nahe beieinander gelegenen Häusern in einem Radius von ungefähr 200 Metern wohnen. Manche geben der Dortmunder Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (DoGeWo) eine Mitschuld, weil die freien Wohnraum an Neonazis vermietet.

Immer mehr Dorstfelder haben die Nase voll. Sie hören nachts Schüsse oder Böller, Gebrüll mit Neonazi-Parolen. Einige berichten jetzt von ihren Auszugsplänen gegenüber einem örtlichen Radiosender.

Doch jeder Wegzug heißt auch Resignation. Denn die Konzentration der Skinhead Front im Steinauweg hat Methode. Bundesweit siedeln immer mehr nationale junge Familien zur Schaffung einer eigenen Gegenkultur nicht nur in ländlichen Regionen an, sondern ziehen auch in städtischen Gebieten zusammen. „Das ist hier noch am Anfang, aber die rekrutieren sich untereinander“, warnt auch der erfahrene Sozialarbeiter Michael Ankele aus Ostsachsen. Der Präventionsexperte sieht die Tendenz dahingehend, dass braune Familien, die sich kein Eigentum leisten können, in Wohnblöcken zusammenziehen, um „Gemeinschaften zu bilden“. So geschehen zum Beispiel in Hoyerswerda, Zittau, Bautzen, Dresden – oder Dortmund-Dorstfeld.

30. 09. 2010 – Andrea Röpke