Anfang eines Dialog

NordstadtWatch

Am 18.07.11 veranstaltete das Sweet Sixteen Kino im Depot eine Filmvorführung mit anschließender Diskussion. Der Film “Im Ghetto. Die Roma von Stolipinowo” von Hermann Peseckas und Andreas Kraus aus dem Jahr 2008 beschäftigt sich mit der Lebenssituation und den alltäglichen Erfahrungen von Roma aus Bulgarien, die in Stolipinowo, dem “größten Roma-Ghetto Südosteuropas”, leben. Der Zusammenhang von rassistischer Ausgrenzung und Armut sowie die fortlaufenden Konflikte zwischen den “Altbewohner_innen” und “Zugewanderten” aus Rumänien und Bulgarien werden thematisiert. Eine Zuschauerin verfasste einen Bericht des Abends und der Diskussion, welcher im Folgenden zu lesen ist:

Es war so voll im Kino, dass ich kaum hinein kam. Sitzplätze gab es nicht mehr, viele Leute standen schon in der Nähe der Tür und an der Wand entlang. Ich schlängeklte mich nach vorn. Der Film hatte schon begonnen. So voll habe ich das Kino noch nie gesehen. Später, als es heller im Raum ist, während der Diskussion, schätzte ich die Zahl der Teilnehmenden auf 150-180 Leute. Während des Filmes höre ich Zwischenrufe in einer Sprache, die ich nicht kenne. Leute springen auf und gehen hinaus. Dann noch mehr. Bastian Pütter von Bodo, einer der Veranstalter, geht hinterher. Auch ein Übersetzer. Nach einer Weile kommen erst einige, dann auch andere wieder hinein. So direkt ist die Aufregung, dass es förmlich in der Luft steht. Verletzung, Aggression, Unverstandensein. Nach dem Film erläutert Bastian Pütter, was der Konflikt gewesen sei. Die anwesenden Personen haben Leute auf der Leinwand wieder erkannt und sich offenbar darüber aufgeregt, dass sie als Roma bezeichnet werden, aber Türken sind. Sie selbst, aus Bulgarien stammend und Türkisch sprechend, bezeichnen sich nicht als Roma, sondern als Türken. Es sind einige derjenigen Menschen, über die seit einigen Monaten in Dortmund heftig gestritten wird. Über die gesprochen wird, ohne dass je jemand mit ihnen gesprochen hat. Jetzt ist eine Übersetzerin, Tüllin Kabis-Staubach vom Planerladen, da. Einige können auch Deutsch und sagen, dass sie seit sieben bzw. zehn Jahren hier leben. Nach den ersten Worten der vier Leute auf dem Podium (Bastian Pütter moderiert, der Regisseur des Films, Andreas Kraus ist da, außerdem der Sekretär des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, Orhan Jasarovski, Tüllin Kabis-Staubach als Planerladen und Rainer Stücker vom Mieterverein) merken die anwesenden Türken aus Bulgarien an, dass sie nichts verstehen und bitten um Übersetzung. Tüllin Kabis-Staubach übersetzt nun alle Beiträge in beide Richtungen. Es wird nach den ersten Hinweisen über die Situation der Roma in Bulgarien immer mehr über die Situation der Menschen in der Dortmunder Nordstadt gesprochen, über Rassismus, Diskriminierung, die so genannten Ekelhäuser, Prostitution und die Probleme für die Menschen aus Bulgarien, hier legale Arbeit zu bekommen.
Mehrfach weisen Leute in ihren Redebeiträgen darauf hin, dass ein Blickwechsel nötig sei: Nicht die zugewanderten Menschen seien das Problem. Die Nordstadt sei schon immer ein Stadtteil der Arbeiter_innen und Zuwanderer gewesen. Die Vermieter, die ihre Häuser seit Jahrzehnten verwahrlosen ließen, und jetzt auf die teilweise illegalen Bewohner_innen schimpften, seien das Problem. Die Zugewanderten sprechen immer wieder die Probleme an, die durch die EU-Erweiterung für sie entstanden seien. In Bulgarien hätten die Fabriken dicht gemacht und sie bekämen keine Arbeit mehr, und hier seien sie auch nicht erwünscht.
Ich finde es teilweise sehr berührend, was sie sagen, sogar, wenn es auf Türkisch ist und ich es nicht verstehe. Wie sie sprechen, aus ihrer Stimme und Tonlage, spricht so viel Schmerz, dass mir manchmal die Tränen kommen. Die Übersetzung bestätigt dann nur noch den Eindruck. Menschen, die ihre Familie in Bulgarien gelassen haben und hier Arbeit suchen, um ihren Angehörigen ein besseres Leben zu ermöglichen. Eine Frau, die mit ihren vier Töchtern nach Deutschland gekommen ist. Zwei ihrer Kinder hat das Jugendamt ihr weggenommen. Ihr Mann ist in Bulgarien im Gefängnis, weil er zehn Kilo Eisen gestohlen hat, um seine Familie zu versorgen. Sie lebt mit ihren zwei Töchtern auf der Straße. Ein Mann, dem die Polizei seine Papiere weggenommen hat, und der morgen ausgewiesen wird, wenn er nicht eine Krankenversicherung nachweisen kann. Überhaupt die Ausweiskontrollen. Die Leute erzählen, dass sie ständig kontrolliert werden, manchmal dieselbe Person mehrmals am Tag. Die Polizei darf verdachtsunabhängige Kontrollen durchführen. Dieses Mittel nutzen sie offenbar als Schikane. Die Leute fühlen sich diskriminiert und verachtet. Eine Deutsche fragt, ob die bulgarischen Türken sich organisiert hätten, ob sie eine Vertretung oder Institutionalisierung hätten. Haben sie nicht. Orhan Jasarovski vom Zentralrat der Sinti und Roma sagt, dass dieser nicht zuständig für sie sei, da sie sich ja selbst nicht als Roma bezeichnen und der Rat gesetzlich nur für die Rechte der Roma und Sinti eintreten dürfe. Womöglich bezeichnen sich die Leute aus Angst vor Diskriminierung nicht als Roma, so erscheint es jedenfalls dem Herrn Jasarovski vom Zentralrat, der selbst weiß, was es heißt, diskriminiert zu werden. Er bedauert (im kurzen Gespräch, das ich auf dem Flur aufschnappe), dass sich die Leute nicht als Roma bezeichnen. Er sei doch ein Beispiel dafür, dass man auch als Rom etwas erreichen könne. Er hat gerade sein Germanistik-Studium an der Uni Düsseldorf abgeschlossen und promoviert jetzt. Mit neun Jahren ist er mit seinen Eltern aus Mazedonien nach Deutschland geflohen, hier einige Jahre zur Schule gegangen und war sehr integriert. Dennoch wurde die Familie nach Jahren abgeschoben, weswegen er in Mazedonien (ich glaube, in Tuzla) Abitur gemacht hat und dann zum Studieren wieder her gekommen ist. Er hat Kinderlähmung und ist daher noch auf andere Art beeinträchtigt.

Insgesamt zeigt die Veranstaltung, dass es viel Bedarf nach Dialog gibt, dass wir eigentlich nichts voneinander wissen und auch, dass es einfach ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie hat auch gezeigt, dass die Probleme riesengroß sind und dass es schwer ist, sie lokal zu lösen. Dennoch gibt es hier offenbar viel Interesse und die Bereitschaft etwas zu tun, um die Situation der Menschen aus Bulgarien zu verbessern. Für nach den Sommerferien werden vom Planerladen weitere Veranstaltungen angekündigt.