Dortmunder Neonazis gründeten „Combat-18″ Zelle

Der WAZ-Rechercheblog berichtet:

Marco G. ist immer der dürre Nazi mit den großen Füßen. Er hasst Juden und Ausländer und trägt immer große Schuhe. Auf dem Foto der Neonazi-Band „Weisse Wölfe“ zielt er mit einer Pistole in das Gesicht des Betrachters. Trotz Vermummung wollen ihn die Verfassungsschützer an seinen Schuhkartongroßen Stiefeln erkennen. Die Band singt: „Am Tag der Rache wollen wir euch bluten sehn.“

Marco G. ist eine der zentralen Figuren in der rechtsextremen Szene Dortmunds. Er spielt in Nazis-Bands und hält die Kontakte in die internationale Szene des rechten Hasses. Doch damit nicht genug. Nach Recherchen der WAZ soll er zudem an der Gründung einer terroristischen Vereinigung in Dortmund beteiligt gewesen sein. Nach Informationen aus dem Umfeld des Verfassungsschutzes hat sich die Gruppe Waffen beschafft und für den Kampf trainiert. Nur mit Glück ist der große Knall einer rechtsradikalen Gewaltorgie in Dortmund ausgeblieben.

Das ganze beginnt vor über zehn Jahren. In der rechtsextremen Szene Dortmunds verbreitete sich die Theorie der Turner-Tagebücher. Dabei handelt es sich um eine Ideologie des aggressiven Rassenhasses. Die Turner-Tagebücher propagieren den bewaffneten Kampf. Rechtsradikalen Aktivisten des neonazistischen „Blood & Honour“-Netzwerkes in ganz Europa und den USA beziehen sich auf die Hassschrift.

In den Turner-Tagbüchern wird der Untergrund-Kampf von Nazis gegen die Gesellschaft verherrlicht. Der propagierten Theorie nach sollen sich die Nasis in Zellen zusammenschließen, um Terrorakte gegen Fremde zu verüben. Mit Hilfe von Morden soll die weiße Vorherrschaft erzwungen werden. Es wird empfohlen, keine Bekennerschreiben zu hinterlassen. Jede Zelle soll für sich lebensfähig sein und möglichst keinen direkten Kontakt zu anderen Zellen haben. „Die Idee hinter der Gruppe ist der führerlose Widerstand“, berichtet ein V-Mann des Verfassungsschutzes in Düsseldorf. Auch wenn eine Zelle ausgeschaltet wird, können die anderen weiter machen.

Die Turner-Tagebücher sind das ideologische Fundament der so genannten Combat 18 Gruppen, dem bewaffneten Arm der europäischen „Blood & Honour“-Szene. Die Nummer 18 steht dabei für die Anfangsbuchstaben der Wörter: Adolf Hitler. Auch in Dortmund war eine solche Gruppe aktiv. Angeblich bis ins Jahr 2006.

Die Zelle soll im Umfeld der Dortmunder Skinhead-Band „Oidoxie“ und deren Kameradschaft, die sich „Oidoxie Streetfighting Crew“ nennt, enstanden sein. Marco G. ist Chef der Band. Die Hymne der Kameradschaft heißt: „Terrormachine“.

„Die Dortmunder Neonazi-Band „Oidoxie“ ist in der rechten Szene bestens vernetzt. So gibt es enge Drähte zur Nazi-Band „Gigi und die Brauen Stadtmusikanten“. Gemeinsam spielten die Bands auf Konzerten. Nach Aufdecken der Terrorserie der Zwickauer Nazizelle „NSU“ sorgten Gigi und die Brauen Stadtmusikanten für Aufsehen. Im Jahr 2010 veröffentlichte Daniel G. den “Döner-Killer Song”, in dem er die Morde der NSU-Terrorbande verherrlichte. Das war lange bevor klar war, dass die Attentate auf Türken und einen Griechen auf rassistischen Hassmördern zurückgingen.“

Vieles von dem, was die Neonazis rund um Marco G. von sich geben, ist kaum mehr als Hass-Propaganda. Doch einigen Neonazis reichte das offenbar nicht. Nach 2003 diskutieren sie darüber, ob sie auf Basis der Turner-Tagebücher eine Terrorzelle gründen sollen, heißt es aus dem Umfeld des Verfassungsschutzes. Schließlich sollen sich neben Marci G. vier Männer zusammengefunden haben: Micha L. aus Frankfurt an der Oder, sowie Robin S., Sebastian S. und Stephan G. aus Dortmund.

Eine der ersten Aufgaben an die Mitglieder der Zelle sei es gewesen, Waffen zu beschaffen, heißt es aus dem Umfeld des Verfassungsschutzes.

Die Wege sind lang. Die „Oidoxie Streetfighting Crew“ unterhält damals Kontakte nach Belgien. Die Band Oidoxie trat bei Neonazi-Konzerten in Dendermonde auf. Hier werden Verbindungen zu Joeri van der P. geknüpft. Der Belgier ist führender Kopf der rechtsextremen Organisation „Bloed, Bodem, Eer & Trouw“. Gemeinsam veranstalten die Neonazis auf einem militärischen Gelände nahe Dendermonde Schießübungen. Im Sauerland soll die Gruppe Wehrsportübungen gemacht haben.

Und mehr noch: Joeri Van der P. soll Waffen beschafft haben. Aus Kreisen des Verfassungsschutzes NRW heißt es, Joeri van der P. sei mehrfach nach Dortmund gefahren um Gewehre und Pistolen zu übergeben. In Belgien kosteten illegalen Pistolen damals rund 300 Euro. Zeitweise soll die Dortmunder Gruppe über mehrere Pumpguns und eine Maschinenpistole verfügt haben, heißt es im Umfeld des Verfassungsschutzes.

Die Dortmunder Combat 18-Gruppe soll sich damals regelmäßig im Partykeller von Marco G. getroffen haben. „Da wurde viel geredet“, heißt es aus dem Verfassungschutz, „vor allem darüber, wie man die Kontakte ins Ausland aufbaut und pflegt.“ In einem Gewerbegebiet in Dortmund Deusen soll die Gruppe Schießübungen mit scharfen Waffen veranstaltet haben.

Um die Zelle zu finanzieren, organisierte die Band Konzerte. Zu Ehren der rechtsradikalen Organisation „Blood & Honour“ kamen etwa bis zu 2000 Nazis aus ganz Europa nach Holland und Belgien. Gesichert wurden diese Feste unter anderem von bewaffneten Männern aus der Dortmunder Combat 18-Gruppe. Nach Informationen aus dem Umfeld des Verfassungsschutzes kamen bei diesen Konzerten bis zu 20.000 Euro Gewinn am Abend zusammen. Alles schwarz selbstverständlich. Einige Geldübergaben an andere Dortmund Nazi-Gruppen sind von der Polizei belegt.

Überraschend stellte die Dortmunder Combat 18-Gruppe ihre Aktivitäten im Frühjahr 2006 ein. Aus Kreisen des NRW-Verfassungsschutzes heißt es, trotz aller Geheimnistuerei habe sich die Gruppe nicht genügend aufeinander verlassen können. Ein Mann aus dem Umfeld von G. wollte Maschinenpistolen vom Balkan besorgen. Daraus wurde aber nichts. Danach galt er als Schwätzer. Zudem erschien Marco G. den potentiellen Terroristen zu sehr als „Propaganda-Minister“, der sich nicht selbst „die Finger schmutzig machen will“. Wie aus Kreisen des Verfassungsschutzes zu erfahren ist, gab die Gruppe ihre Terrorpläne weitgehend auf.

Kurze Zeit später wurde die belgische Combat 18-Gruppe um Joeri van der P. zerschlagen. Die Polizei fand Sprengstoffe, Gewehre und Munition. Die Gruppe hatte Anschläge auf Ausländer und Politiker geplant.

Einige Monate später gerieten zwei Ex-Mitglieder der Dortmunder Zelle in Haft. Robin S. hatte einen Tunesier in der Dortmunder Nordstadt niedergeschossen. Angeblich um einen Raub zu begehen. Sebastian S. hatte ihm die Waffe besorgt.

Die Waffen der Dortmunder C18-Zelle sollen heute zu einem großen Teil verschwunden sein. Einige Waffen seien in den Kanal geworfen worden, heißt es, andere wurden auf dem Schwarzmarkt weiterverkauft. Weiter seien versteckt worden – für spätere Einsätze.

Die Vorwürfe aus dem Umfeld des Verfassungsschutzes sind schwierig zu überprüfen. Aktenkundig ist, dass zumindest einige der erwähnten Mitglieder der „Oidoxie Streetfighting Crew“ über Waffen verfügt haben. Auch der enge Zusammenhalt der erwähnten Männer ist dokumentiert. Offiziell will sich aber niemand zu den Informationen äußern.

Die Polizei in Dortmund hält sich zurück, weil einige der hier genannten Zusammenhänge Bestandteil einer Ermittlung beim Generalbundesanwalt seien. Nur soviel sei klar, die Gruppe um Marco G. war in der rechten Szene damals sehr aktiv.

Der NRW-Verfassungsschutz will aus „rechtlichen Gründen“ keine Auskünfte geben. Offiziell heißt es lediglich: „Die Dortmunder Szene ist dem Verfassungsschutz NRW seit Jahren bekannt; ihre Entwicklung wird mit großer Aufmerksamkeit verfolgt.“

Die Bundesanwaltschaft will sich zum Fall nicht äußern, um den „Untersuchungszweck“ nicht zu gefährden.

Die Band Oidoxie bezeichnet sich noch immer als „C18 Band“. Sie steht dem Gedankengut aus den Turner Tagebüchern weiter nahe. Marco G. antwortete nicht auf eine schriftliche Anfrage.

Treffpunkt in der Nähe des Tatortes

Erstaunlich sind die zeitlichen Zusammenhänge im Fall der Dortmunder Combat-18-Gruppe. Wenige Monate nachdem die Gruppe auseinandergegangen sein soll, wurde am 4. April 2006 in der Dortmunder Nordstadt, in unmittelbarer Nähe zur Gaststätte „Thüringer Hof“, der türkische Kioskbesitzer Mehmet Kubasik von Mitgliedern der Zwickauer Terrorzelle „NSU“ ermordet. In der Gaststätte „Thüringer Hof“ trafen sich nach Recherchen der WAZ damals regelmäßig Neonazis aus Dortmunder Kameradschaften.